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Mittendrin statt nur dabei
Als Chef von team.arbeit.hamburg hat er vor fünf Jahren das bundesweit einzige Jobcenter für schwerbehinderte Menschen aufgebaut. Jetzt wurde Thomas Bösenberg zum Leiter des neuen Hamburger Inklusionsbüros ernannt. Seine Mission: Barrieren abbauen
Wenn Stevie Wonder auftritt, denken nur die wenigsten Konzertbesucher an seine Blindheit. Die Mehrheit ist einfach nur gekommen, um einen begnadeten Sänger zu hören. Für sie gehört die große dunkle Brille einfach dazu. Wenn Bundesfinanzminister Schäuble in seinem Rollstuhl zum Rednerpult in den Bundestag fährt, wird dieses wie selbstverständlich für den, seit einem Attentat im Jahr 1990 querschnittsgelähmten CDU-Politker heruntergefahren.
Beides sind Beispiele für gelungene soziale Inklusion, die sich immer mehr Menschen für alle gesellschaftlichen Bereiche fordern. Doch was bedeutet Inklusion eigentlich?
Vereinfacht gesagt bedeutet Inklusion, dass alle Menschen in ihrer ganz eigenen Individualität von der Gesellschaft so akzeptiert werden wie sie sind und die Möglichkeit haben, in vollem Um-fang an ihr teilzuhaben oder teilzunehmen. Das Anderssein wird dabei von der Gesellschaft zwar wahrgenommen, aber keinerlei Bedeutung beigemessen. Inklusion beschreibt dabei die Gleichwertigkeit eines Individuums, ohne dass dabei Normalität vorausgesetzt wird. Normal ist vielmehr die Vielfalt, das Vorhan-densein von Unterschieden.
Der Begriff der Inklusion hat seinen Ursprung zwar im Umgang mit Menschen mit Behin-derung, weitet sich in seiner Bedeutung aber zunehmend aus. Auch Senioren, Migranten, Kinder und Jugendliche mit besonderen Herausforderungen werden mittlerweile als Beispiele genannt, wenn man von einer inklusiven Gesellschaft spricht. So überlegt man beispielsweise, Asylbewerber gar nicht erst in eigens für sie eingerichteten Heimen unterzubringen, sondern gleich in die Gesellschaft aufzunehmen, z.B. durch die Bereitstellung geeigneter Sprachkurse und gezielter Weiterbildungsmaßnahmen.
Um die Gesellschaft für dieses neue sozialpolitische Konzept, für ein Umdenken zu gewinnen und Barrieren abzubauen, wird in Hamburg ein Landesaktionsplan entwickelt. Ein Teil davon ist das neu eingerichtete Inklusionsbüro. Zum Leiter wurde Thomas Bösenberg, der ehemalige Chef der Hamburger Jobcenter ernannt. Jobs-Kompakt NORD-Chefredakteur Sven Wolter-Rousseaux sprach mit ihm:
Sven Wolter-Rousseaux: Was Inklusion bedeutet, bzw. was die Politik darunter versteht, ist nicht wirklich einfach zu verstehen ...
Thomas Bösenberg: Zum jetzigen Zeitpunkt in der Tat nicht. Im Grunde ist die gesamte Gesellschaft aufgerufen, diesen Begriff mit Leben zu füllen. Darum sollten wir alle etwas dafür tun, Inklusion in die Öffentlichkeit, in die Gesellschaft und z.B. in die Unternehmen zu transportieren. Inklusion beginnt bereits mit der Bewusstseinsbildung.
Wie kommt es überhaupt dazu, plötzlich von Inklusion zu sprechen, obwohl man in der Politik und in der Gesellschaft jahrelang immer nur das Thema Integration besetzt hat. Eigentlich stehen ja Integration und Inklusion im Widerspruch zueinander.
Inklusion bezeichnet einen Zustand der Zugehörigkeit aller Menschen zur Gesellschaft, verbunden mit der Möglichkeit zur uneingeschränkten und selbstbestimmten Teilhabe in allen Bereichen. Kurz gesagt: alle Menschen gehören dazu - jeder ist willkommen - jeder kann mitmachen. Eine zentrale Bedeutung hat die Soziale Inklusion auch in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die den Rang eines Bundesgesetzes hat und in Deutschland und von uns allen in Hamburg umzusetzen ist.
Bei der Integration schafft man in bestehenden Strukturen Raum für eine Gruppe von Menschen, das braucht man in einer inklusiven Gesellschaft nicht, da alle von Anfang an dazu gehören.
Wozu brauchen wir eine UN-BRK, haben wir in Deutschland nicht schon genug Gesetze?
Die UN-BRK schafft keine Sonderrechte für Menschen mit Behinderungen. Sie konkretisiert vielmehr die bestehenden Menschenrechte erstmals aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen. Insgesamt 50 Artikel befassen sich mit 17 Grundrechten aus dem gesamten Spektrum menschlichen Lebens. Z.B. Erziehung, Schule, Arbeit, Wohnen, Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben, bis hin zur Teilhabe am kulturellen Leben, Freizeit und Sport.
Vor gut fünf Jahren haben Sie als Chef der Jobcenter das bundesweit einzige Jobcenter für Menschen mit Behinderungen eröffnet. Wenn Menschen mit Behinderungen in ein eigenes, separates Jobcenter müssen, ist das unter dem Gesichtspunkt der Inklusion noch sinnvoll?
Gute Frage. Mit dem Standort für Schwerbehinderte Menschen haben wir die Grundlage geschaffen, diese Personengruppe individuell betreuen zu können. Ziel ist neben der Leistungsgewährung die Teilhabe am Arbeitsleben. Das geht nur mit qualitativ hochwertiger Beratung und enger Kooperation mit Arbeitgebern. Beides ist uneingeschränkt auch Voraussetzung für die Realisierung des inklusiven Arbeitsmarktes.
Nun soll sich die soziale Inklusion aber nicht allein auf die Menschen mit Behinderungen fokussieren.
Inklusion geht uns alle an. Deshalb brauchen wir eine Bewusstseinsbildung für diese spannende Herausforderung in der gesamten Gesellschaft. In den Schulen ebenso, wie in den Verbänden und Unternehmen. Verbesserungen, die auf den ersten Blick nur für eine Zielgruppe erreicht werden, kommen letztendlich uns allen zu Gute. Wenn für Rollstuhlfahrer ein Aufzug angeschafft wird, hilft der auch der Mutter mit Kinderwagen oder dem Sportler mit Meniskusschaden. Wenn diese Erkenntnis wächst, ist der erste große Schritt zur Umsetzung bereits getan.
Das ist ein breites Spektrum. In Politik und Öffentlichkeit wird u.a. auch darüber diskutiert, ob überhaupt schon die Integration von Ausländern funktioniert hat. Und Sie wollen noch einen Schritt weiter gehen und sprechen bereits von Inklusion.
Inklusion geht über das hinaus, was mit Integration gemeint ist. Es geht nicht nur darum, innerhalb bestehender Strukturen auch für Menschen mit Behinderungen Raum zu schaffen, sondern die gesellschaftlichen Strukturen von vornherein so zu gestalten, dass sie allen gerecht werden, gerade auch den Menschen mit Behinderungen. Diese Herausforderung bewältigen wir nicht von heute auf morgen, das ist eher ein stetiger Prozess.
Und was ist Ihre Aufgabe dabei?
In Hamburg wird bereits kräftig an diesem Thema gearbeitet. Es wird ein Landesaktionsplan erarbeitet und vor Ort finden bereits zahlreiche Aktivitäten statt. Das Inklusionsbüro ist organisatorisch bei der Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen angesiedelt und wird diesen Prozess unterstützen. Dabei hat die Bewusstseinsbildung einen ganz hohen Stellenwert. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Wir orientieren uns häufig an Defiziten, wenn wir an Menschen mit Behinderungen denken. Wenn wir stattdessen die Potentiale sehen, gelingt es viel leichter, die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen als Bereiche-rung für die gesamte Gesellschaft zu sehen. Gute Beispiele sollen bekanntgemacht und Handlungsbedarfe aufgezeigt werden. Wichtig ist auch der Austausch mit Betroffenen und Verbänden, um gemeinsam etwas bewegen zu können.
Haben Sie da konkrete Ideen?
Neben der inklusiven Schule sind die Übergänge Kita-Schule und Schule- Beruf sehr wichtig, um die beste individuelle Förderung zu erreichen. Ein weiteres Beispiel ist der Arbeitsmarkt. Demografische Entwicklung und Fachkräftemangel machen ein Umdenken erforderlich. Bislang wurden Zuwanderung und die Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen als Maßnahmen umgesetzt. Das wird in Zukunft nicht mehr reichen.
Kann die Inklusion dazu einen Beitrag leisten?
Ja und zwar auf zweierlei Weise: Wir haben gut ausgebildete und motivierte Menschen mit Behinderungen, die derzeit auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen haben. Hier gilt es, die Potentiale zu erkennen, zu fördern und die Menschen entsprechend einzusetzen. Darüber hinaus muss es uns zukünftig gelingen, die Menschen länger im ersten Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Entstehende Krankhei-ten frühzeitig erkennen, um sachgerechte Hilfe anbieten zu können sowie alterns- und nicht nur altersgerechte Arbeitsplätze sind zwei Voraussetzungen, um dieses Ziel zu erreichen.
Aber die Realität sieht anders aus ...
Da stimme ich Ihnen in vielen Bereichen zu. Aber es gibt vielfach bereits die Erkenntnis, dass etwas geschehen muss. So haben sich Unternehmen, Kammern und Verbände bereits auf unterschiedliche Weise mit dem Thema befasst.
Wenn wir uns hier in sechs Monaten wieder treffen würden, worüber würden Sie sich freuen?
Wenn Inklusion in unserer Gesellschaft bewusster wahrgenommen wird, haben wir bereits viel erreicht. Konkret wäre es eine tolle Sache, wenn z.B. ein Hamburger Unternehmen einen eigenen Aktionsplan „Inklusion“ erarbeiten würde. Gute Beispiele aus anderen Bereichen sind natürlich ebenso geeignet, Inklusion zu fördern.

